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Adèle arbeitet für eine Pariser Tageszeitung, ist unabhängig. Mit ihrem Ehemann, einem Chirurgen, und ihrem kleinen Sohn lebt sie im eleganten 18. Arrondissement der französischen Hauptstadt – eine fast perfekte Familie. Ein Leben, dem es nach außen hin an nichts fehlt. Doch ist es gerade diese Perfektion, an deren Langeweile Adèle zu ersticken droht. Gelangweilt läuft sie durch die Straßen der Stadt, hat Sex mit Fremden, wann immer es ihrer Lust zuträglich ist. Die Angst vor dem Kontrollverlust ist ihr ständiger Begleiter, aber aufhören kann sie nicht.

Ein Roman der verstört! Slimani nimmt uns mit in die Abgründe ihrer Protagonistin, zeigt uns jede einzelne Seite ihrer Psyche, ohne dabei vulgär oder plump zu sein. Vielmehr wird hier eine fein säuberlich Skizze des Niedergangs einer Frau gezeichnet, die man jedoch kaum mehr aus den Händen legen möchte! Eine Provokation und das Aufzeigen eines bisher immer noch gesellschaftlichen Tabus: Hypersexualität.

„Serotonin – ein Neurotransmitter der sowohl die Blutgefäße reguliert, als auch auf die Signalübertragungen im zentralen Nervensystem wirkt, wodurch er sich (ideal) als Antidepressivum eignet.“

Ob auch der geneigte Leser nach (oder vor) der Lektüre zum synthetischen Mittel greifen muss, bestimmt sich wohl vor allem daran, wie er Houellebecq im Allgemeinen gegenüber steht. Denn wir erleben eine Handlung, die fast schon einen klassischen Houllebecq ausmacht: Kritik am westlichen Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftssystem, Werteverfall zwischen den Menschen und natürlich der große Angriff auf den Mann (als Institution, Individuum und Begierdeobjekt). Wenn man aber nun annimmt, man begäbe sich auf eine „Best of tour“ durch das houellebecqsche Universum, ist man (positiv) enttäuscht. Denn die Handlung um Florent-Claude Labrouste, dem Protagonisten, ist ein (im wahrsten Sinne des Wortes) Rausch durch die meisterhafte Prosa des Autors. Spitzfindige, kontroverse und aktuelle Anspielungen, scharfsinnige Formulierungen, aber allen voran sprachliche Virtuosität sind es, die diesen neuen und hoffentlich noch nicht letzten Roman des französischen Ausnahmeschriftstellers so einzigartig machen!