»Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.«

Mit diesem ersten fragenden Satz eröffnet Julian Barnes seinen neuen Roman über den neunzehnjährigen Paul, der sich – stolz und naiv von der ersten Liebe Glück – wenig um die sozialen Konventionen der 1950er Jahre kümmert, wenn er in den Armen der knapp 30 Jahre älteren Susan seinen Halt findet. Doch das anfängliche, absolutistische Glück steht vor großen Herausforderungen, die sich Paul zu dem Zeitpunkt noch gar nicht auszumalen vermag. Rückblickend erzählt er uns seine unerhörte Geschichte voller Hoffnung und Liebe aber auch Abgründen und Verletzungen.

Dieser neue Roman von Julian Barnes ist weder Kitsch noch Seifenoper! Vielmehr eine feinfühlig komponierte, das menschliche Gefühl in seiner Komplexität auslotende, differenziert betrachtende und vor allem zärtliche Erzählung über die lebenslange Konsequenz der ersten Liebe. Und damit am Ende auch eine vorläufige Antwort: „Es ist besser geliebt zu haben und diese Liebe zu verlieren, als niemals je Liebe empfunden zu haben.“

Ein fulminanter Auftakt in das literarische Jahr 2019 und ein Buch, von dem sicherlich noch viel auf den Literaturmessen des Jahres zu hören sein wird..

Die süditalienische Küste, Sommer, Sonne, Strand und das Meer. Es könnte einfach alles entspannt sein für Leda, knapp fünfzig, allein lebend, Mutter zweier erwachsener Töchter. Doch die Beobachtungen der lärmenden, neapolitanischen Großfamilie am Strand, im Fokus eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, schlagen schnell von Faszination und Wohlwollen in Panik und überlagerte Erinnerungen um. Leda lässt sich zu einer unbeschreiblichen Tat verführen..

Elena Ferrante macht gleich zu Beginn ihres neuen (im Original bereits 2006 erschienenen) Romans deutlich, dass sich der Leser auf eine nicht einfache Lektüre einstellen kann: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.“ Und doch spricht sie über ein so wichtiges, wie vielleicht auch nicht oft genug besprochenes, widersprüchliches Thema: Wie ist das Verhältnis einer Mutter zu ihren Kindern? Ist es geprägt von Leichtigkeit, Loyalität und Liebe? Oder gibt es nicht auch unausgesprochene Herausforderungen, Ängste, Konflikte? Ein eindringlicher Roman, der die Realität in ihrer einzigartigen Schönheit und Brutalität widerspiegelt.

„Frau im Dunkeln“ ist ein hervorragender Auftakt in das literarische Jahr 2019 – ein existenzieller, erschütternder (vielleicht auch in Teilen überzeichneter?), aber wohl genauso wahrheitlicher, direkter und zur Diskussion anregender Roman über Emanzipation, Mutterschaft und soziale Herkunft. Ein eindringlicher Roman. Ein must read!

„Welcher Tribut ist einer vorstellbaren Unsterblichkeit wohl angemessen?“ – Diese Frage stellt sich der junge Arzt Norton Perina als er auf der Insel Ivu’ivu ein Mittel gegen die Sterblichkeit des Lebens gefunden hat. Die waghalsige Abenteuerreise in ein unbekanntes Archipel im Südpazifik (viele Stellen erinnern an die Dschungelexpeditionen aus „Herz der Finsternis“ von J. Conrad) erschließt sich dem Leser durch die vielen Reiseberichte über Lebensweise, Sprache und Kultur eines fiktiven Urvolkes. Diese essen zur Feier ihres 60. Geburtstages eine bestimmte Schildkrötenart und werden fortan mehrere hunderte Jahre alt – gekennzeichnet durch geistigen Marasmus. Perina, der rückblickend von seinen Expeditionen erzählt, verfasst seine Memoiren im Gefängnis, denn sein Forscherdrang brachte auch die Liebe zu Kindern in ihm hervor..

Perinas Schicksal ist Fluch und Segen zugleich: die Erforschung einer bisher unbekannten Gattung Mensch, ihr endlos scheinendes Leben, sein kometenhafter Aufstieg zum Nobelpreisträger, und das dunkle Kapitel zur Frage inwieweit man Werk und Genie trennen muss, machen diesen Abenteuerroman ( den man teils als fiktive literarische BBC-Reportage vom Format eines D. Attenborough verstehen kann) zu einer großen Gewissensfrage, die Yanagihara mit einer wahrhaft meisterlichen Kunst zur Differenzierung zu erzählen vermag.

Yanagihara erzählt auf wundervolle Weise in ihrem Debütroman (ja, „Ein wenig Leben“ von 2015 ist bereits das zweite Buch) eine spannende Abenteuererzählung mit fantastischen Naturbeschreibungen und einer Fragestellung die klassischer und aktueller nicht sein könnte: Wie tief können die Abgründe des Menschlichen sein?

„Serotonin – ein Neurotransmitter der sowohl die Blutgefäße reguliert, als auch auf die Signalübertragungen im zentralen Nervensystem wirkt, wodurch er sich (ideal) als Antidepressivum eignet.“

Ob auch der geneigte Leser nach (oder vor) der Lektüre zum synthetischen Mittel greifen muss, bestimmt sich wohl vor allem daran, wie er Houellebecq im Allgemeinen gegenüber steht. Denn wir erleben eine Handlung, die fast schon einen klassischen Houllebecq ausmacht: Kritik am westlichen Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftssystem, Werteverfall zwischen den Menschen und natürlich der große Angriff auf den Mann (als Institution, Individuum und Begierdeobjekt). Wenn man aber nun annimmt, man begäbe sich auf eine „Best of tour“ durch das houellebecqsche Universum, ist man (positiv) enttäuscht. Denn die Handlung um Florent-Claude Labrouste, dem Protagonisten, ist ein (im wahrsten Sinne des Wortes) Rausch durch die meisterhafte Prosa des Autors. Spitzfindige, kontroverse und aktuelle Anspielungen, scharfsinnige Formulierungen, aber allen voran sprachliche Virtuosität sind es, die diesen neuen und hoffentlich noch nicht letzten Roman des französischen Ausnahmeschriftstellers so einzigartig machen!