Ferdinand von Schirachs neues Buch »Kaffee und Zigaretten« verwebt autobiographische Erzählungen, Aperçus, Notizen und Beobachtungen zu einem erzählerischen Ganzen, in dem sich Privates und Allgemeines berühren, verzahnen und wechselseitig spiegeln. Es geht um prägende Erlebnisse und Begegnungen des Erzählers, um flüchtige Momente des Glücks, um Einsamkeit und Melancholie, um Entwurzelung und die Sehnsucht nach Heimat, um Kunst und Gesellschaft ebenso wie um die großen Lebensthemen Ferdinand von Schirachs, um merkwürdige Rechtsfälle und Begebenheiten, um die Idee des Rechts und die Würde des Menschen, um die Errungenschaften und das Erbe der Aufklärung, das es zu bewahren gilt, und um das, was den Menschen erst eigentlich zum Menschen macht.

Ferdinand von Schirach ist einer der „großen Stilisten“ unserer Zeit (NYT). Der Jurist versteht es auf außergewöhnliche Weise „Geschichten zu erzählen“. So auch in seinem neuen Buch, das die großen Themen autobiographisch verknüpft.

Es ist ein klirrend kalter Januar. In den prunkvollen Sälen des Geologischen Museums trinken sich die Größen der Modewelt warm für die Kopenhagen Fashion Week, als draußen im Schnee der Designer Bartholdy unter Qualen zusammenbricht. Es ist Blutmond-Nacht. In solchen Nächten, so heisst es in Afrika, befinden sich Sonne und Mond im Krieg. Ein unheilvoller Auftakt für Jeppe Kørner und Anette Werner. Jeppe ist zurück von einem längeren Urlaub in Australien, doch die Erholung hält nicht lange an. Denn Jeppes bester Freund ist seit dem grausamen Mord an Bartholdy unauffindbar.

Nun endlich der zweite Teil der Kopenhagener-Thriller-Serie von Beststeller Autorin Katrine Engberg. Nach „Krokodilwächter“ ermitteln Kørner und Werner in diesem Fall nun hinter den Kulissen der Kopenhagener Haute Couture. In gekonnt fesselnder Manier entführt uns Engberg in die Abgründe jener glitzernden und illusionierenden Welt der Mode. Für jeden Engberg-Fan ein must read! Für jeden Einsteiger und Liebhaber des Thriller Genres wunderbar geeignet.

„Fünfhundert Blatt. Universalpapier. Für alle Drucker und Kopierer geeignet. Weder liniert noch kariert. Gut ausgewählt, Padre. Ich habe es noch nie gemocht, eingeengt zu werden.“ – Weil er Stotterer ist, vertraut Johannes H. Stärckle ganz auf die Macht des geschriebenen Worts und setzt es rücksichtslos ein, zur Notwehr ebenso wie für seine Karriere. Irgendwann bringt ihn jedoch seine Eitelkeit ins Gefängnis. Dort seine Zeit absitzend schildert er durch Briefe an den Gefängnispfarrer „Padre“ sein Leben. Ein Leben das durch die Macht des geschriebenen – nicht gesprochenen – Wortes geprägt ist. Von der harmlosen Fiktion eines Liebesbriefes in der Schule bis hin zum manipulierten Suizid eines Sektenmitglieds. Der Stotterer versucht alle von seiner Lebensgeschichte zu überzeugen..

Die Macht des geschriebenen Wortes tritt hier in unverkennbarer Fülle hervor. Ein glänzend geschriebenes Buch voller sprachlicher Meisterleistungen. Lewinsky hat ein brillantes Buch geschrieben und wir hoffen, dass es nicht das letzte war! Absolut lesenswert.

„In bösen, dunklen, kalten Tümpeln/ Wo alte Bücher Orm gebären/ Die tief in toten Sümpfen dümpeln/ Wo Bücherwürmer sich vermehren/ Wo alle Fragen Antwort finden/ Doch niemand seine Frage kennt/ Dort soll sich jener Dämon winden/ Den man den Bücherdrachen nennt.“ -Ohjann Golgo van Fontheweg

In den Katakomben von Buchhaim erzählt man sich eine alte Geschichte vom sprachmächtigen Drachen Nathaviel. Angeblich besteht er aus lauter Büchern, die von der mysteriösen Kraft des Orms durchströmt sind. Die Legende besagt, der Bücherdrache habe auf jede Frage die richtige Antwort.

Endlich sind die Buchlinge wieder da und endlich beglückt uns Walter Moers mit einem neuen Abenteuer in den „tiefen, dunklen kalten Räumen, wo Schatten sich mit Schatten paaren“ im Untergrund der schon oft Schauplatz gewesenen Stadt Buchhaim.Der Buchling Hildegunst Zwei macht sich eines Tages auf den Weg in den Ormsumpf, wo Nathaviel hausen soll. Dabei wagt er sich in Bereiche der Katakomben, in denen es von Gefahren wie den heimtückischen Bücherjägern nur so wimmelt..

Eine wunderbare Erzählung, gespickt mit Comics von Moers selbst, die Lust auf mehr macht! Eine Leseprobe des neuen Briefromans „Insel der 1000 Leuchttürme“ findet sich ebenfalls! Ein Muss für alle Moers-Fans!

Endlich eröffnet auch der Diogenes Verlag mit seinem Frühjahrsprogramm das literarische Jahr 2019!

In „Irgendwann wird es gut“ vereint Joey Goebel 10 Kurzgeschichten, die es in sich haben. Egal ob es ich um Anthony Dent handelt, der abendlich auf seine Angebetete mit einem Glas Bourbon wartet, oder um Beth Schlehuber, die nach einem Suizidversuch im Krankenhaus aufwacht, alle Geschichten vereint die Suche verlassener Seelen nach dem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben. Es geht um Menschen, die sich nach einem winzigen Stück vom großen Lebensglück sehnen, aber in der Kleinstadt Moberly im Bundesstaat Kentucky dieses wohl nie finden werden..

Mit Joey Goebel präsentiert sich ein junger, wenngleich schon fast zu Kultstatus avancierter Autor im gewohnt hochklassigen Diogenes Verlag. „Irgendwann wird es gut“ ist eine fantastische Einreihung in seine bisherigen Romane „Vincent“ und „Ich gegen Osborne“ und brilliert in gekonnter Sprachmanier!

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde sind fünf Frauen, deren Leben an verschiedenen jedoch allesamt entscheidenden Punkten angelangt sind. Geprägt durch die im annus mirabilis gefallene Mauer stehen sie nun vor der Qual fast grenzenloser Freiheit. Aber wie verträgt sich diese Freiheit mit ihrem eigenen Leben, dem Beruf, ihren Liebschaften, ihren Ehemänner, Kindern? Allesamt werden sie vor große Herausforderungen gestellt. Keine der fünf denkt auch nur daran aufzugeben. Ein Buch über stählerne Frauen im Glanz des Lebens: „Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist keine Romantik. Liebe ist eine Tat. Man muss die Liebe vom Ernstfall aus betrachten“.

Wow! Was für ein weiterer, starker Auftakt in das literarische Jahr 2019. Daniela Krien begeistert auf weiter Flur. Ihre fünf Charaktere sind auf eigensinnige Weise miteinander verwoben und figurieren in diesem tollen „Clash“ zwischen Freiheit, Liebe und Zwang zu der entscheidenden Frage: Was führt zu einem freiheitlichen, erfüllten Leben in Liebe und/oder warum geht es nicht nur darum?

»Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.«

Mit diesem ersten fragenden Satz eröffnet Julian Barnes seinen neuen Roman über den neunzehnjährigen Paul, der sich – stolz und naiv von der ersten Liebe Glück – wenig um die sozialen Konventionen der 1950er Jahre kümmert, wenn er in den Armen der knapp 30 Jahre älteren Susan seinen Halt findet. Doch das anfängliche, absolutistische Glück steht vor großen Herausforderungen, die sich Paul zu dem Zeitpunkt noch gar nicht auszumalen vermag. Rückblickend erzählt er uns seine unerhörte Geschichte voller Hoffnung und Liebe aber auch Abgründen und Verletzungen.

Dieser neue Roman von Julian Barnes ist weder Kitsch noch Seifenoper! Vielmehr eine feinfühlig komponierte, das menschliche Gefühl in seiner Komplexität auslotende, differenziert betrachtende und vor allem zärtliche Erzählung über die lebenslange Konsequenz der ersten Liebe. Und damit am Ende auch eine vorläufige Antwort: „Es ist besser geliebt zu haben und diese Liebe zu verlieren, als niemals je Liebe empfunden zu haben.“

Ein fulminanter Auftakt in das literarische Jahr 2019 und ein Buch, von dem sicherlich noch viel auf den Literaturmessen des Jahres zu hören sein wird..

Die süditalienische Küste, Sommer, Sonne, Strand und das Meer. Es könnte einfach alles entspannt sein für Leda, knapp fünfzig, allein lebend, Mutter zweier erwachsener Töchter. Doch die Beobachtungen der lärmenden, neapolitanischen Großfamilie am Strand, im Fokus eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, schlagen schnell von Faszination und Wohlwollen in Panik und überlagerte Erinnerungen um. Leda lässt sich zu einer unbeschreiblichen Tat verführen..

Elena Ferrante macht gleich zu Beginn ihres neuen (im Original bereits 2006 erschienenen) Romans deutlich, dass sich der Leser auf eine nicht einfache Lektüre einstellen kann: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.“ Und doch spricht sie über ein so wichtiges, wie vielleicht auch nicht oft genug besprochenes, widersprüchliches Thema: Wie ist das Verhältnis einer Mutter zu ihren Kindern? Ist es geprägt von Leichtigkeit, Loyalität und Liebe? Oder gibt es nicht auch unausgesprochene Herausforderungen, Ängste, Konflikte? Ein eindringlicher Roman, der die Realität in ihrer einzigartigen Schönheit und Brutalität widerspiegelt.

„Frau im Dunkeln“ ist ein hervorragender Auftakt in das literarische Jahr 2019 – ein existenzieller, erschütternder (vielleicht auch in Teilen überzeichneter?), aber wohl genauso wahrheitlicher, direkter und zur Diskussion anregender Roman über Emanzipation, Mutterschaft und soziale Herkunft. Ein eindringlicher Roman. Ein must read!

„Welcher Tribut ist einer vorstellbaren Unsterblichkeit wohl angemessen?“ – Diese Frage stellt sich der junge Arzt Norton Perina als er auf der Insel Ivu’ivu ein Mittel gegen die Sterblichkeit des Lebens gefunden hat. Die waghalsige Abenteuerreise in ein unbekanntes Archipel im Südpazifik (viele Stellen erinnern an die Dschungelexpeditionen aus „Herz der Finsternis“ von J. Conrad) erschließt sich dem Leser durch die vielen Reiseberichte über Lebensweise, Sprache und Kultur eines fiktiven Urvolkes. Diese essen zur Feier ihres 60. Geburtstages eine bestimmte Schildkrötenart und werden fortan mehrere hunderte Jahre alt – gekennzeichnet durch geistigen Marasmus. Perina, der rückblickend von seinen Expeditionen erzählt, verfasst seine Memoiren im Gefängnis, denn sein Forscherdrang brachte auch die Liebe zu Kindern in ihm hervor..

Perinas Schicksal ist Fluch und Segen zugleich: die Erforschung einer bisher unbekannten Gattung Mensch, ihr endlos scheinendes Leben, sein kometenhafter Aufstieg zum Nobelpreisträger, und das dunkle Kapitel zur Frage inwieweit man Werk und Genie trennen muss, machen diesen Abenteuerroman ( den man teils als fiktive literarische BBC-Reportage vom Format eines D. Attenborough verstehen kann) zu einer großen Gewissensfrage, die Yanagihara mit einer wahrhaft meisterlichen Kunst zur Differenzierung zu erzählen vermag.

Yanagihara erzählt auf wundervolle Weise in ihrem Debütroman (ja, „Ein wenig Leben“ von 2015 ist bereits das zweite Buch) eine spannende Abenteuererzählung mit fantastischen Naturbeschreibungen und einer Fragestellung die klassischer und aktueller nicht sein könnte: Wie tief können die Abgründe des Menschlichen sein?

„Serotonin – ein Neurotransmitter der sowohl die Blutgefäße reguliert, als auch auf die Signalübertragungen im zentralen Nervensystem wirkt, wodurch er sich (ideal) als Antidepressivum eignet.“

Ob auch der geneigte Leser nach (oder vor) der Lektüre zum synthetischen Mittel greifen muss, bestimmt sich wohl vor allem daran, wie er Houellebecq im Allgemeinen gegenüber steht. Denn wir erleben eine Handlung, die fast schon einen klassischen Houllebecq ausmacht: Kritik am westlichen Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftssystem, Werteverfall zwischen den Menschen und natürlich der große Angriff auf den Mann (als Institution, Individuum und Begierdeobjekt). Wenn man aber nun annimmt, man begäbe sich auf eine „Best of tour“ durch das houellebecqsche Universum, ist man (positiv) enttäuscht. Denn die Handlung um Florent-Claude Labrouste, dem Protagonisten, ist ein (im wahrsten Sinne des Wortes) Rausch durch die meisterhafte Prosa des Autors. Spitzfindige, kontroverse und aktuelle Anspielungen, scharfsinnige Formulierungen, aber allen voran sprachliche Virtuosität sind es, die diesen neuen und hoffentlich noch nicht letzten Roman des französischen Ausnahmeschriftstellers so einzigartig machen!