Stellen sie sich ein England der 80er Jahre vor, jedoch unter anderen Voraussetzungen: Die Briten haben die Falkland Inseln verloren. Margaret Thatcher wird vorzeitig abgwählt und Alan Turing (britischer Mathematiker und Entschlüssler des ENIGMA-Codes der Nazis) ist einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der artifical intelligence (AI). Es gibt Smartphones, autonom fahrende Autos und ebenjene Androiden, die vom Menschen kaum mehr  zu unterscheiden sind. Ein solcher Android ist Adam, gekauft von Charlie Friend, der damit im Besitz der ersten jemals gebauten androiden Generation ist, die auf 25 Exemplare limitiert wurde. Der Androide wird sehr schnell Teil von Charlies sozialem Umfeld, mithin verliebt er sich in dessen Freundin Miranda. Aber ist eine Maschine überhaupt in der Lage zu lieben? Emotional (nicht rational!) abzuwägen?  Adams „Emotionen“ und seine programmierten moralischen Prinzipien kollidieren dabei fast im Minutentakt mit den irrationalen Entscheidungen der Menschen.

Ein intelligent geschriebenes Buch, das nachdenklich aber auch tröstlich stimmt, wenn man um die Herausforderungen mit künstlicher Intelligenz besorgt ist. McEwan beeindruckt mit vielen Einstreuungen zu moralischen und philosphischen Fragen im Umgang mit Androiden. Ein Roman der aktueller nicht sein könnte!

 

Die freche Rotzgöre Zazie wird gleich bei der Ankunft an der Gare d-Austerlitz von ihrer Mutter Madame Grossestittes an deren Bruder Gabriel übergeben, der in einem Cabaret arbeitet. Bei ihrem Onkel lernt die neunmalkluge Zazie das maßlose und exzessive Paris kennen und hegt doch nur einen sehnsuchtsvollen Wunsch: einmal mit der Pariser Metro fahren zu dürfen. Doch diese wird ausgerechnet an jenem Wochenende bestreikt.

Mit „Zazie in der Metro“ ist ein inzwischen zum Klassiker avancierter Roman der franzöischen Litertatur in neuer Übersetzung erschienen. Eine sprachlich virtuoser, verspielter, aber auch zwischen Fiktion und Fakten verwirrender Roman, ganz im Stile des Surrealismus der 1950er Jahre. Eine großartige (Wieder-)entdeckung und eine Bereicherung für alle, die sprachliche Anspielungen, Provokationen und Wortwitz lieben.

 

Dieses Buch hat das Potenzial zu ihrem literarischen Alptraum zu werden: Egal ob es um das Verschwinden des eigenen Kindes geht, weil man ausnahmsweise einmal ein paar Minuten später von der Arbeit nach Hause kommt; ein verbrauchter Womanizer seine rachsüchtige Stieftochter trifft oder ein eifersüchtiges Mädchen sich mit einer unheimlichen Katze anfreundet (Poe lässt grüßen). Oates liefert uns spannende Geschichten in die schaurigsten Abgründe und Ängste der Menschen. Das kann bereits im Mutterleib beginnen, wenn ein Zwillingsbruder-Paar um den besten Platz kämpft oder später im Leben der eigene Bruder zum Mörder wird..

Sieben Geschichte, sieben Abgründe, sieben sich in Anspannung und Grauen nicht zu erschöpfende literarische Alpträume. J.C. Oates beweist wieder einmal ihre Stellung im Thriller/Horror Genre – nämlich ganz weit oben. Absolut lesenswert!

„Fünfhundert Blatt. Universalpapier. Für alle Drucker und Kopierer geeignet. Weder liniert noch kariert. Gut ausgewählt, Padre. Ich habe es noch nie gemocht, eingeengt zu werden.“ – Weil er Stotterer ist, vertraut Johannes H. Stärckle ganz auf die Macht des geschriebenen Worts und setzt es rücksichtslos ein, zur Notwehr ebenso wie für seine Karriere. Irgendwann bringt ihn jedoch seine Eitelkeit ins Gefängnis. Dort seine Zeit absitzend schildert er durch Briefe an den Gefängnispfarrer „Padre“ sein Leben. Ein Leben das durch die Macht des geschriebenen – nicht gesprochenen – Wortes geprägt ist. Von der harmlosen Fiktion eines Liebesbriefes in der Schule bis hin zum manipulierten Suizid eines Sektenmitglieds. Der Stotterer versucht alle von seiner Lebensgeschichte zu überzeugen..

Die Macht des geschriebenen Wortes tritt hier in unverkennbarer Fülle hervor. Ein glänzend geschriebenes Buch voller sprachlicher Meisterleistungen. Lewinsky hat ein brillantes Buch geschrieben und wir hoffen, dass es nicht das letzte war! Absolut lesenswert.

Endlich wieder ein guter Western – wenngleich nicht im ganz klassischen Gewand!

Sebastian Barry präsentiert uns ein dunkles und mit sich selbst kämpfendes Nordamerika des 19. Jahrhunderts aus der Sicht des inzwischen sesshaft gewordenen Farmers Thomas McNulty. Dieser arbeitete zusammen mit seinem jetzigen Mann einst als Tänzerin (sic!) verkleidet in einer Goldgräberstadt. Mit Beginn der (vor allem) körperlichen Adoleszenz wurden beide als Soldaten eingezogen, kämpften gegen Indianer, metzelten Frauen und Kinder nieder und standen schließlich als Corporals auch im amerikanischen Bürgerkrieg Seite an Seite beieinander. Barry zeigt uns ein in sich zerrissenes Amerika in einer nüchtern gehaltenen Sprache, aufreibend evozierten Bildern und einer fast poetischen Grausamkeit.

Ein Buch das polarisieren kann, aber in jedem Fall Widersprüche aufzeigt und Diskussionsstoff bietet. Eine in lakonischer Sprache gehaltene lyrische Wucht! Eine Art irischer Simplicissimus.


Wahrscheinlich eines der besten (Sach-) Bücher zum Jahresausklang!

Michelle Obama nimmt uns mit zu ihren Anfängen. Die First Lady als Frist Writer – ein tolles Debüt! Wir bekommen einen Blick hinter die Kulissen dieser wahrhaft herausragenden Frau, Mutter, Juristin, First Lady. Wie weit hätte es der durchaus smarte und ambitionierte Barack Obama wohl ohne seine Frau gebracht?;)

Aber nicht die Politik ihres Mannes steht hier im Vordergrund, sondern allen voran Michelle Obamas Weg aus einem armen Stadtteil von Chicago bis ins Zentrum der Macht nach Washington; ihre Familie, besonders die Beziehung zu ihrem schwer kranken Vater; ein erfolgreiches Jura-Studium, die große Liebe; Aufbruch und Niederlagen auf dem Weg an der Seite ihres Mannes ins Weiße Haus. Natürlich auch ein Rückblick auf die weltverändernde Wahlnacht 2016 und Donald Trump.

Michelle Obama, Becoming

Eine wichtige und im Zusammenspiel mit der noch zukünftigen Biographie ihres Mannes (VÖ-Datum steht noch nicht fest) wohl historische Einordnung dieses ehrgeizigen Ausnahmepaares.

Absolut lesens- und empfehlenswert!

Endlich! Der belgische Schriftsteller George Simenon und sein populärer Kommissar Maigret erscheinen im neuen Gewand und aktualisierter Neu-Übersetzung:

„Maigret und die junge Tote“ ist der 45. Fall der in den nächsten Jahren rundum neu aufgelegten 90 bändigen Serie des eigensinnigen wie zugleich emphatischen Pariser Hauptstadtkommissars Maigret. Eigensinnig beginnt es zugleich auf der ersten Seite, wenn Maigret von einem neuen Fall erfährt und daraufhin „gähnte und die (vor ihm liegenden) Papiere erst einmal in aller Ruhe an den Rand des Schreibtisches schob“.  Im berühmten Viertel um Montmarte wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Niemand scheint sie zu kennen oder zu vermissen. Doch erste Hinweise ergeben, dass es sich nicht um einen klassischen Mord aus dem Pariser Rotlichtviertel handelt…

Maigret hat – sicherlich wie viele andere Ermittler auch – seine eigenen Methoden. Doch sein Vorgehen des Hineinversetzen in sein Opfer macht die kriminalistischen Ermittlungen auf eine eigene Art glatt charmant. Der unglücklich agierende und immer schlecht gelaunte Inspektor Lognon avanciert dabei fast zu einem (positiven) Gegenspieler.

Für alle Maigret Fans und die, die es werden wollen. Jeder Band ist zum Einstieg geeignet und sorgt für unterhaltende, fesselnde Stunden, in denen die Zeit der Ermittlungen manchmal viel zu schnell vergehen..

Simenon, Maigret und die junge Tote

„Hamouli, Hamouli, Hamouli – mepp, mepp. – Gesang der Lindwürmer“

Diese Weihnachtsgeschichte ist eine andere und doch ähnelt sie dem uns bekannten Weihnachtsfeste in all seinen Facetten : „Hamouli“ und „Mepp“ sind Figuren, die unserem Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht wohl ganz ähnlich sind. „Hamoulimepp“ ist in Zamonien ein dreitägiges Fest, welches mit allerlei exotischem Essen, Feuerwerken und eigensinnigen Bräuchen, wie dem Anmalen von leeren Schneckenhäusern gefeiert wird..

Der bekannte zamonische Lindwurm, Hildegunst von Mythenmetz nimmt uns in seinem Briefwechsel an den ebenso berühmten Buchhaimer Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer mit auf die Reise in die Hintergründe eines uralten, zamonischen Brauchtums. Suchtgefahr garantiert! Eine unterhaltsame, kurzweilige, neue Geschichte aus Zamonien, die die Vorfreude auf Weihnachten, pardon, „Hamoulimepp“ umso größer werden lässt.

Ein wunderbar literarisch-sprachliches Unterfangen: „Das Leben ist endlich, doch ewig ist Kunst, so grüßt von fern, Dein Hildegunst“.

 

Walter Moers, Weihnachten auf der Lindwurmfeste

Egal ob alt oder jung, groß oder klein. Jeder kennt die wohl berühmteste Weihnachtsgeschichte des literarischen Meisters Charles Dickens:

Der (legendäre und allen voran) geizige Ebenezer Scrooge ist ein entschiedener Gegner, gar möge man schreiben „Hasser“ des Weihnachtsfestes mit all seinen sozialen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Doch in der Nacht des Heiligen Abends besuchen ihn die berühmten drei Geister und Scrooge erkennt, wie sehr (die Todsünden!) Habgier und Egoismus sein Leben bestimmt haben. Weihnachten kommt dann doch endlich in seinem Herzen an.

Die Geschichte ist ein immer wieder kehrender Zerrspiegel aktueller gesellschaftlicher Konventionen. Brauchen wir diesen überfüllenden und grenzenlosen Konsum? Wissen wir überhaupt noch um die „wahre“ Bedeutung von Weihachten? Aber auch: Wie kalt sind unsere Herzen ohne Nächstenliebe und Freude anderen Menschen gegenüber?

Der von Robert Ingpen wunderbar illustrierte Einband lädt uns alle – alt oder jung, groß oder klein, vielleicht gemeinsam? – ein, diese magische Geschichte um den wahren Kern des Weihnachtsfestes neu zu erleben.

Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte